undercurrents #21 (2026): Call for NO Papers
Veröffentlicht am 2026-02-02
Alternative Formen und Formate (literatur-)wissenschaftlichen Schreibens
Die Literaturwissenschaft produziert Wissen über Texte mittels Texten – besonders einer spezifischen Textform: dem wissenschaftlichen Aufsatz. Mit ihren Idealen linearer Argumentation, klarer Autor*innenschaft, fokussierter Fragestellung, terminologischer Klarheit, abgesicherter Methodik, standarisierter Zitation und stilistischer Zurückhaltung dominiert diese Form die literaturwissenschaftliche Wissensproduktion der Gegenwart. Als stabilisierte Schreibpraxis, die kaum als historisch gewachsenes, institutionell reguliertes Medium wahrgenommen wird, sondern als selbstverständlicher Träger wissenschaftlicher Erkenntnis, erzeugt sie eine stilistische und rhetorische Homogenität, die selbstverständlich erscheint, dabei jedoch epistemische, institutionelle und ökonomische Logiken naturalisiert.
Der 'Einheitsstil' der Literaturwissenschaft wirkt restriktiv und produktiv zugleich. Als ein ästhetisches und epistemisches Phänomen strukturiert er, was als sagbar, argumentierbar und publizierbar gilt. Er operiert als Disziplinierungsmechanismus, der reguliert, wer unter welchen Bedingungen sprechen kann, welche Affekte legitim sind, welche Zeitregime akzeptiert werden und welche Formen von Wissen als anschlussfähig gelten. Gleichzeitig hat die Form selbst eine Eigendynamik entwickelt. Sie ermöglicht, was angesichts akademischen Publikationsdrucks unabdingbar scheint, nämlich die Produktion enormer Textmengen, denen weder notwendig eine Idee noch die ernsthafte Absicht der Wissensgewinnung zugrundeliegen muss. In einer kapitalistisch organisierten Universität, die zunehmend durch Prekarisierung, Projektlogik, Ökonomisierung und Rationalität geprägt ist, bedeutet die standardisierte Textform des wissenschaftlichen Aufsatzes eine Anpassungsleistung: 'publish or perish', und wer überleben will, muss marktkompatible Texte produzieren.
Die 21. Ausgabe von undercurrents soll einen Experimentierraum für literaturwissenschaftliche Beiträge bieten, die sich den üblichen Konventionen wissenschaftlichen Schreibens entziehen oder diese bewusst unterlaufen – formal, rhetorisch, medial oder performativ. Gefragt wird demnach nicht primär danach, was wir über Literatur sagen, sondern wie wir dies tun, und welche alternativen Formate dafür möglich sind. Das Heft versucht dabei einen radikalen Perspektivwechsel: Statt mittels Aufsätzen den 'Aufsatz' zu kritisieren, betrachten wir Interpretation als mediale Praxis: Wie verändert sich das literaturwissenschaftliche Arbeiten, wenn sich die Form der Darstellung ändert? Wie kann (oder muss) eine progressive Kritik akademischer Praktiken aussehen?
Eingeladen sind Beiträge, die literarische Texte und literaturwissenschaftliche Fragestellungen z.B. essayistisch, dialogisch, literarisch oder grafisch bearbeiten, situierte, explizit parteiliche oder selbstreflexive Perspektiven einnehmen, kollektive oder nicht eindeutig fixierte Autor*innenschaften erproben, das akademische Schreiben als Arbeit, Affekt- und Zeitregime thematisieren, (literatur-)wissenschaftlichen Jargon unterlaufen, kritisieren, ausstellen und/oder Unabgeschlossenheit, Zweifel oder Scheitern nicht glätten. Außerdem wollen wir auch diejenigen, die die literaturwissenschaftliche Textpraxis von außen oder halbaußen beobachten, einladen, ihre Eindrücke zu schildern, eine Art Blattkritik literaturwissenschaftlicher Text- und Wissensproduktion zu betreiben – sei es in Gestalt der Lobeshymne, oder der Polemik, sei es als Gedicht, Erzählung oder Collage...
Die undercurrents-Redaktion versteht sich explizit als Teil der beschriebenen Strukturen, die wir in vergangenen Ausgaben zwar immer wieder kritisiert haben, durch Stil, Habitus und unsere Praxis aber auch stützen. Mit dieser 21. Ausgabe wollen wir den Versuch unternehmen, diese Strukturen nicht zu reproduzieren, sondern sichtbar zu machen und unsere eigene Rolle im Wissenschaftssystem zu reflektieren. Die zugrundeliegenden Auswahl- und Begutachtungsprozesse sollen in diesem Sinne transparent gestaltet werden. Formale Vorgaben (etwa betreffend der Länge, Struktur oder Zitierweise eingereichter Texte) werden in dieser Ausgabe bewusst offen gehalten, die eingereichten Texte sollen schließlich nicht im Sinne einer standarisierten 'Literaturwissenschaft' normiert, sondern in ihrer Eigensinnigkeit geschützt werden. Der bislang unbestimmte Lektoratsprozess dieser Texte ist dabei Teil des experimentellen Charakters der Ausgabe.
Wir bitten um die Zusendung von Ideenskizzen mit einem Umfang von etwa einer Seite sowie bio-bibliographischen Angaben bis zum 15. März 2026 an undercurrentsforum@gmx.de. Diese sollten eine kurze Erläuterung dazu umfassen, inwiefern sich das vorgeschlagene Projekt als Beitrag zu einer linken Literaturwissenschaft versteht. Über die Annahme der Vorschläge entscheidet die Redaktion bis spätestens 15. April, die fertigen Artikel erbitten wir bis 1. August 2026. Die Publikation in undercurrents erfolgt Open Access. Die Redaktion behält sich eine Auswahl aus den eingesandten Texten vor.
Die Literaturwissenschaft produziert Wissen über Texte mittels Texten – besonders einer spezifischen Textform: dem wissenschaftlichen Aufsatz. Mit ihren Idealen linearer Argumentation, klarer Autor*innenschaft, fokussierter Fragestellung, terminologischer Klarheit, abgesicherter Methodik, standarisierter Zitation und stilistischer Zurückhaltung dominiert diese Form die literaturwissenschaftliche Wissensproduktion der Gegenwart. Als stabilisierte Schreibpraxis, die kaum als historisch gewachsenes, institutionell reguliertes Medium wahrgenommen wird, sondern als selbstverständlicher Träger wissenschaftlicher Erkenntnis, erzeugt sie eine stilistische und rhetorische Homogenität, die selbstverständlich erscheint, dabei jedoch epistemische, institutionelle und ökonomische Logiken naturalisiert.
Der 'Einheitsstil' der Literaturwissenschaft wirkt restriktiv und produktiv zugleich. Als ein ästhetisches und epistemisches Phänomen strukturiert er, was als sagbar, argumentierbar und publizierbar gilt. Er operiert als Disziplinierungsmechanismus, der reguliert, wer unter welchen Bedingungen sprechen kann, welche Affekte legitim sind, welche Zeitregime akzeptiert werden und welche Formen von Wissen als anschlussfähig gelten. Gleichzeitig hat die Form selbst eine Eigendynamik entwickelt. Sie ermöglicht, was angesichts akademischen Publikationsdrucks unabdingbar scheint, nämlich die Produktion enormer Textmengen, denen weder notwendig eine Idee noch die ernsthafte Absicht der Wissensgewinnung zugrundeliegen muss. In einer kapitalistisch organisierten Universität, die zunehmend durch Prekarisierung, Projektlogik, Ökonomisierung und Rationalität geprägt ist, bedeutet die standardisierte Textform des wissenschaftlichen Aufsatzes eine Anpassungsleistung: 'publish or perish', und wer überleben will, muss marktkompatible Texte produzieren.
Die 21. Ausgabe von undercurrents soll einen Experimentierraum für literaturwissenschaftliche Beiträge bieten, die sich den üblichen Konventionen wissenschaftlichen Schreibens entziehen oder diese bewusst unterlaufen – formal, rhetorisch, medial oder performativ. Gefragt wird demnach nicht primär danach, was wir über Literatur sagen, sondern wie wir dies tun, und welche alternativen Formate dafür möglich sind. Das Heft versucht dabei einen radikalen Perspektivwechsel: Statt mittels Aufsätzen den 'Aufsatz' zu kritisieren, betrachten wir Interpretation als mediale Praxis: Wie verändert sich das literaturwissenschaftliche Arbeiten, wenn sich die Form der Darstellung ändert? Wie kann (oder muss) eine progressive Kritik akademischer Praktiken aussehen?
Eingeladen sind Beiträge, die literarische Texte und literaturwissenschaftliche Fragestellungen z.B. essayistisch, dialogisch, literarisch oder grafisch bearbeiten, situierte, explizit parteiliche oder selbstreflexive Perspektiven einnehmen, kollektive oder nicht eindeutig fixierte Autor*innenschaften erproben, das akademische Schreiben als Arbeit, Affekt- und Zeitregime thematisieren, (literatur-)wissenschaftlichen Jargon unterlaufen, kritisieren, ausstellen und/oder Unabgeschlossenheit, Zweifel oder Scheitern nicht glätten. Außerdem wollen wir auch diejenigen, die die literaturwissenschaftliche Textpraxis von außen oder halbaußen beobachten, einladen, ihre Eindrücke zu schildern, eine Art Blattkritik literaturwissenschaftlicher Text- und Wissensproduktion zu betreiben – sei es in Gestalt der Lobeshymne, oder der Polemik, sei es als Gedicht, Erzählung oder Collage...
Die undercurrents-Redaktion versteht sich explizit als Teil der beschriebenen Strukturen, die wir in vergangenen Ausgaben zwar immer wieder kritisiert haben, durch Stil, Habitus und unsere Praxis aber auch stützen. Mit dieser 21. Ausgabe wollen wir den Versuch unternehmen, diese Strukturen nicht zu reproduzieren, sondern sichtbar zu machen und unsere eigene Rolle im Wissenschaftssystem zu reflektieren. Die zugrundeliegenden Auswahl- und Begutachtungsprozesse sollen in diesem Sinne transparent gestaltet werden. Formale Vorgaben (etwa betreffend der Länge, Struktur oder Zitierweise eingereichter Texte) werden in dieser Ausgabe bewusst offen gehalten, die eingereichten Texte sollen schließlich nicht im Sinne einer standarisierten 'Literaturwissenschaft' normiert, sondern in ihrer Eigensinnigkeit geschützt werden. Der bislang unbestimmte Lektoratsprozess dieser Texte ist dabei Teil des experimentellen Charakters der Ausgabe.
Wir bitten um die Zusendung von Ideenskizzen mit einem Umfang von etwa einer Seite sowie bio-bibliographischen Angaben bis zum 15. März 2026 an undercurrentsforum@gmx.de. Diese sollten eine kurze Erläuterung dazu umfassen, inwiefern sich das vorgeschlagene Projekt als Beitrag zu einer linken Literaturwissenschaft versteht. Über die Annahme der Vorschläge entscheidet die Redaktion bis spätestens 15. April, die fertigen Artikel erbitten wir bis 1. August 2026. Die Publikation in undercurrents erfolgt Open Access. Die Redaktion behält sich eine Auswahl aus den eingesandten Texten vor.